Osteopathie und Stress

Stress ist ein möglicher Zustand des vegetativen Nervensystems.

Dieses System reguliert die zwei entgegengesetzten Aktivitätszustände unseres Körpers: Hochleistungsmodus versus Entspannungsmodus. Beide Zustände werden entweder über die Nervenwege des Sympathikus (Hochleistungsmodus) oder des Parasympathikus (Entspannungsmodus) gesteuert.

 

Der sympathische Modus des vegetativen Nervensystems dient der Bereitstellung von Energie und der Leistungssteigerung von Organen (Muskeln und Lunge) und bereitet den Körper auf eine Anstrengung vor: eine Rede halten, von einem hohen Sprungbrett ins Wasser springen oder auch einfach nur, wenn man sich erschreckt. Der Puls schnellt in die Höhe, der Blutdruck steigt, der Mund wird trocken und die Atmung wird schneller, was als normale Stressreaktion angesehen wird.

 

Der parasympathische Zustand versetzt die meisten inneren Organe und das kardiovaskuläre System hingegen in einen Erholungszustand. Der Puls verlangsamt sich, die Verdauungsleistung wird gesteigert und körpereigene Reserven werden aufgebaut, ein Regenerierungszustand tritt ein.

 

Diese beiden natürlichen Vorgänge bzw. Zustände des Körpers wechseln sich je nach Bedarf und als Reaktion auf Reize aus der Umwelt ab.

Liege ich mit einem Buch auf der Couch, nehme ein heißes Bad, meditiere oder Schlafe ich nachts im Bett, dann ist der Parasympathikus aktiv und ich erhole mich. Stehe ich im Berufsverkehr, eile zum nächsten Termin, bekomme ich Druck vom Vorgesetzten oder habe ich Streit mit jemandem, aber auch wenn ich einfach nur Sport treibe, ist der Sympathikus aktiv, um den Körper leistungsstark, fokussiert und belastbar zu machen.

 

Was bedeutet es, wenn wir uns „gestresst“ fühlen?

 

  • Ein neuzeitliches Phänomen ist, dass in unserer Leistungsgesellschaft der Parasympathikus zu kurz kommt, wir erholen uns nicht ausreichend.

Der nächtliche Schlaf als einziges Erholungsangebot reicht nicht aus. Auch nach der Arbeit und am Wochenende sollte es möglich sein, sich zu regenerieren. Der Körper und das Gehirn benötigen Momente der Ruhe, in denen nichts geschieht. Einen Zustand in dem wir uns nicht den Kopf über Vergangenes zerbrechen oder die Zukunft planen.

 

  • Des Weiteren ist die Aktivität des Sympathikus zu dominant - die Menge an Stressoren, die auf uns einwirken zu hoch und zu konstant.

Statt einen entspannten Feierabend zu genießen werden noch E-Mails beantwortet und ein unüberschaubares Angebot an Medien konsumiert (Internet!), sodass diese intensiven Reize den Körper in seinem Anspannungsmodus festhalten. Hier ein paar „Stressoren“, die zu einer Überlastung des Systems führen:

  • Licht (künstliches), Lärm
  • unzureichende primäre Bedürfnisbefriedigung wie ausreichend Schlaf und entspannte (qualitativ wertvolle) Nahrungsaufnahme
  • Leistungsstressoren wie Arbeit oder Prüfungen
  • Soziale Stressoren wie interpersonale Probleme in Familie/Partnerschaft/Freunde
  • Andere Stressoren wie Entscheidungskonflikte, Zukunftsungewissheit/Existenzängste, Reizüberflutung
  • Akute Traumata wie Verletzungen aber auch emotionale Probleme (z.B. Verlust durch Trennung oder Tod)

 

Als weiteres Problem ist die verlernte bzw. unzureichende Anpassungsfähigkeit bzw. Umstellungsfähigkeit unseres Körpers zu nennen. Wer Sport treibt begibt sich automatisch in einen sympathischen Zustand und die Verausgabung hat einen „gezwungenen“ parasympathischen Zustand zur Folge. Körperlich aktive Menschen trainieren somit auch ihr vegetatives Nervensystem, sodass dieses adaptiv und variabel bleibt.

 

Das Resultat des Ungleichgewichts zwischen Sympathikus und Parasympathikus ist das Stagnieren des Körpers in einem hyperaktiven Stadium. Der dauerhafte sympathische Zustand führt zur Überproduktion des Stresshormons Cortisol. Dieses Hormon kann bei einer Überproduktion negative Folgen wie Osteoporose, Verkümmerung der Muskulatur, Bluthochdruck, depressive Verstimmung, Wassereinlagerungen oder Verdauungsprobleme usw. nach sich ziehen.

 

Wie kann Osteopathie helfen?

 

Wer unter solchen gesundheitlichen Problemen leidet, kann mit Hilfe der Osteopathie Erleichterung finden.

Mit der osteopathischen Arbeit werden bei diesen Beschwerden verschiedene Ziele verfolgt. Mittels cranio-sacraler Techniken wird  über neurophysiologische Wege ein Ausgleich des vegetativen Nervensystems angestrebt. Dabei wird der 10. Hirnnerv, der sogenannte „Nervus vagus“ oder „Ruhe-Nerv“ stimuliert. Patienten nehmen dies als tiefen Entspannungszustand nach einer Behandlung wahr. Aber auch eine Mobilisation oder Auflösung von Blockaden an den Wirbelsegmenten Th1-Th5, entlang des sympathischen „Grenzstrangs“, kann zu einer Erleichterung führen. 

 

Eine andere Möglichkeit besteht darin, über die osteopathische Arbeit emotionale Blockaden zu lösen, die zu körperlichen Symptomen geführt haben. Dabei kommen wir auf das Thema der psycho-somatischen Koppelung zu sprechen. Dieses wird in einem anderen Abschnitt erläutert.